Du bist nicht müde. Trotzdem gähnst du. Schon wieder. Beim Kochen, auf dem Sofa, manchmal sogar mitten im Gespräch. Und irgendwann fragst du dich: Was soll das eigentlich?
Die meisten Menschen denken bei Gähnen an Müdigkeit oder Langeweile. Aber wenn du tagsüber häufig gähnst, obwohl du ausgeschlafen bist und dich gar nicht langweilst, dann steckt meistens etwas anderes dahinter. Und das hat direkt mit deiner Atmung zu tun.
Was die Forschung über das Gähnen weiß
Gähnen ist eines dieser Phänomene, die jeder kennt, aber kaum jemand wirklich versteht. Die Forschung diskutiert vor allem zwei Erklärungen:
Die Thermoregulations-Theorie: Forscher um Andrew Gallup haben in Studien an Ratten gezeigt, dass die Gehirntemperatur kurz vor einem Gähner ansteigt und danach wieder sinkt. Gähnen scheint also eine Art Kühlmechanismus für das Gehirn zu sein. Das erklärt auch, warum wir typischerweise beim Aufwachen gähnen und beim Einschlafen, also bei Übergängen zwischen verschiedenen Zuständen. Das Gehirn reguliert seine Temperatur und das Gähnen unterstützt diesen Prozess.
Die Arousal-Theorie: Gähnen tritt besonders häufig bei Zustandswechseln auf. Vom Schlafen zum Wachen, von Ruhe zu Aktivität, von Konzentration zu Entspannung. Der Forscher Baenninger hat beschrieben, dass Gähnen die kortikale Erregung beeinflusst, also wie wach und aufmerksam dein Gehirn gerade ist.
Beides erklärt das gelegentliche Gähnen, das jeder kennt. Morgens beim Aufstehen, abends auf dem Sofa. Ein paar Mal am Tag, in passenden Momenten. Das ist völlig normal und dein Gehirn reguliert sich dabei ganz von allein.
Aber was ist mit dem Gähnen, das nicht aufhört?
Und dann gibt es das andere Gähnen. Das häufige, wiederholte Gähnen tagsüber, das einfach nicht nachlassen will. Oft begleitet von tiefen Seufzern zwischendurch und dem Gefühl, irgendwie nicht richtig Luft zu bekommen. Du gähnst, und eine Minute später gähnst du wieder. Du seufzt, holst tief Luft, und irgendwie reicht es trotzdem nie.
Hier sprechen wir von etwas ganz anderem. Und hier wird es für uns als Atemtrainer spannend.
Häufiges Gähnen und Seufzen am Tag ist ein klassisches Symptom von chronischer Überatmung. Das listen medizinische Einrichtungen wie Johns Hopkins, die Cleveland Clinic und Kaiser Permanente als typisches Zeichen des Hyperventilationssyndroms auf. Und das Tückische daran: Die meisten Menschen, die chronisch überatmen, merken es gar nicht. Es sieht ja nicht aus wie die klassische Hyperventilation mit Hecheln und Panik. Es ist leise und unauffällig. Zwei, drei tiefe Atemzüge mehr pro Minute als nötig. Ein häufiges Seufzen. Und eben dieses ständige Gähnen.
Der Mechanismus dahinter: Wenn du chronisch ein bisschen zu viel atmest, also etwas zu schnell, etwas zu tief, etwas zu oft, dann atmest du mehr CO₂ ab, als dein Körper produziert. Dein CO₂-Spiegel im Blut sinkt. Und jetzt passiert etwas Paradoxes: Obwohl du viel atmest, fühlt es sich an, als bekommst du trotzdem nicht genug Luft. Denn ohne ausreichend CO₂ kann der Sauerstoff schlechter von den roten Blutkörperchen in deine Zellen abgegeben werden. Das ist der sogenannte Bohr-Effekt.
Dein Körper reagiert darauf mit dem Impuls, noch tiefer zu atmen. Du gähnst. Du seufzt. Du holst einen großen Atemzug. Und für einen kurzen Moment fühlt sich das erleichternd an. Aber dann kommt das Gefühl wieder, weil du durch das tiefe Einatmen noch mehr CO₂ verloren hast. So dreht sich der Kreis weiter und weiter.
Dr. Konstantin Buteyko, der ukrainische Arzt, auf dessen Methode unsere Atemübungen aufbauen, nannte dieses Muster „Mini-Hyperventilation" oder „verstecktes Hyperventilieren". Weil es eben so still und unauffällig abläuft, dass weder die Betroffenen selbst noch ihr Umfeld es als Überatmung erkennen.

Wie du den Unterschied erkennst
Gähnen ist also nicht automatisch ein Problem. Es kommt darauf an, wann es passiert und wie oft.
Wenn du morgens beim Aufwachen gähnst oder abends, wenn du müde wirst, wenn es bei Übergängen passiert, nach einer langen Konzentration, beim Runterkommen nach einem anstrengenden Tag, dann ist das dein Gehirn, das sich reguliert. Ein paar Mal am Tag, in passenden Momenten. Alles gut.
Anders sieht es aus, wenn du tagsüber immer wieder gähnst, ohne müde zu sein. Wenn du zwischendurch seufzt und tief Luft holst. Wenn du das Gefühl hast, nie richtig durchatmen zu können, obwohl eigentlich alles in Ordnung ist. Wenn das Gähnen dir kurz Erleichterung gibt, aber ein paar Sekunden später der Drang schon wieder da ist. Das sind Hinweise darauf, dass du mehr atmest als dein Körper braucht und dein CO₂-Spiegel dadurch zu niedrig ist.
Und wenn du während einer Atemübung gähnst?
Das fragen mich viele. Letzte Woche erst hatte ich ein Coaching mit einer Teilnehmerin, die genau das beschrieben hat. Sie sagte: Maria, immer wenn ich die Atemübung mache, muss ich nach ein paar Minuten gähnen. Manchmal drei, vier Mal hintereinander. Sie war verunsichert, ob sie etwas falsch macht. Ob sie aufhören soll. Ob das Gähnen bedeutet, dass die Übung ihr nicht guttut.
Wir haben dann gemeinsam hingeschaut, was da eigentlich passiert. Und es war ziemlich schnell klar: Durch das reduzierte Atmen in der Übung steigt der CO₂-Spiegel im Blut langsam an. Genau das wollen wir ja erreichen. Aber ihr Atemzentrum im Gehirn war an einen niedrigeren CO₂-Wert gewöhnt, jahrelang. Es registriert den Anstieg und versucht, sie zu einem großen Atemzug zu bewegen, um den CO₂-Wert wieder zu senken. Und dieser Impuls äußert sich als Gähnen.
Das Gähnen während der Übung bedeutet also, dass dein Körper gerade an seiner CO₂-Toleranzgrenze arbeitet. Er lernt in diesem Moment, mit einem etwas höheren CO₂-Spiegel klarzukommen. Das ist ein Trainingsreiz, ähnlich wie ein leichtes Ziehen im Muskel, wenn du dich dehnst. Es zeigt dir, dass gerade etwas passiert.
Ich hab ihr dann vorgeschlagen, das Gähnen wahrzunehmen, aber zu versuchen, den Mund dabei geschlossen zu lassen und durch die Nase zu gähnen. Oder den Gähnimpuls einfach vorbeiziehen zu lassen, ohne ihm nachzugeben. Das ist anfangs ungewohnt, weil der Körper ja eigentlich gerade einen großen Atemzug erzwingen will. Aber genau diese Momente, in denen du den Impuls bemerkst und trotzdem ruhig weiteratmest, genau die trainieren die CO₂-Toleranz, die wir aufbauen wollen.
Eine Woche später hat sie mir geschrieben, dass das Gähnen schon weniger geworden ist. Und dass sie jetzt, wenn es kommt, gar nicht mehr verunsichert ist, sondern es als Zeichen nimmt, dass die Übung wirkt.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du dich in dem Muster wiedererkennst, also häufiges Gähnen tagsüber, Seufzen zwischendurch, das Gefühl nicht genug Luft zu bekommen, dann hier drei Vorschläge:
Beobachte erstmal. Achte in den nächsten Tagen darauf, wie oft du gähnst und in welchen Situationen. Du musst noch gar nichts verändern. Einfach wahrnehmen, was dein Körper gerade tut. Allein diese Aufmerksamkeit verändert schon etwas.
Wenn der Gähnimpuls kommt, probier das Gegenteil. Statt dem Impuls nachzugeben und tief einzuatmen, atme bewusst etwas weniger ein als du möchtest. Lass die Ausatmung lang und sanft ausklingen. Und warte ein paar Sekunden, bevor du wieder einatmest. Das fühlt sich am Anfang komisch an, vielleicht sogar ein bisschen unangenehm. Aber nach ein paar Atemzügen wirst du merken, dass das Gefühl von Lufthunger nachlässt, statt stärker zu werden.
Regelmäßig üben. In der App findest du die Kohärenzatmung, das sanfte Atempausentraining und die Übungen zur reduzierten Atmung. All das hilft deinem Körper, seine CO₂-Toleranz schrittweise aufzubauen und aus dem Muster der Überatmung herauszufinden.
Das Gähnen wird weniger. Vielleicht merkst du es nach ein paar Tagen, vielleicht dauert es ein paar Wochen. Aber wenn es passiert, ist das eines der schönsten Zeichen dafür, dass sich in deiner Atmung wirklich etwas verändert hat.

Eine sehr liebevoll gestaltete und gut strukturierte App mit hervorragenden Übungen für viele unterschiedliche Bedürfnisse. Zusätzlich bietet sie gut verständliches Hintergrundwissen zum Thema Atem und seine Wirkung auf den Organismus. Die Stimme von Maria ist sehr angenehm und mit der täglich neuen "Tagesdosis" freue ich mich jeden Morgen auf meine persönliche Atemsession. Vielen Dank!Brigitte
Brigitte
Ich liebe diese App. Sehr nutzerfreundlich gestaltet mit unterschiedlichen Optionen, die App ganz individuell für sich zu nutzen. Tolle Anleitungen, Atemübungen und Hintergrundwissen. Ein wirklich riesiger Fundus. Außerdem tolle Einstellmöglichkeiten, was Musik oder kleine Features angeht. Und darüber hinaus: Ein wirklich fantastischer Support durch Maria!
Melanie
Die perfekte Begleitung für die tägliche Atempraxis | Lange hatte ich das Gefühl, dass Atemübungen hilfreich sind, mir jedoch – im Gegensatz zur Meditationspraxis – ein klares „Wie“ fehlte, um sie konsequent umzusetzen. Diese App hat genau diese Lücke für mich geschlossen. Die Tagesübungen sind abwechslungsreich und vielseitig und sind ein fester Bestandteil meiner Morgenroutine geworden. Für alle, die Atemübungen fest in ihr Leben einbauen möchten, ist diese App eine wunderbare Unterstützung.Giovanna
Giovanna
Häufige Fragen
Warum muss ich beim Atemtraining plötzlich gähnen?
Das Gähnen zeigt, dass Dein Nervensystem beginnt, in die Entspannung zu wechseln. Es ist ein Übergangssignal – kein Fehler.
Sollte ich versuchen, Gähnen zu unterdrücken?
Generell nicht. Gähnen ist ein natürlicher Regulationsprozess Deines Nervensystems – ein Zeichen dafür, dass Dein Körper in die Entspannung findet. Lass es ruhig zu und beobachte, wie es sich auf Deinen Zustand auswirkt. Wenn es Dich während der Atemübung allerdings zu sehr ablenkt, kannst Du Deinen Fokus sanft umlenken – etwa auf Deinen Atemrhythmus, einen Klang oder ein inneres Bild. Denn je mehr wir etwas „wegmachen“ wollen, desto stärker wird es oft. Bei regelmäßiger Praxis gewöhnt sich Dein Nervensystem an diesen Übergang – das Gähnen wird seltener und fühlt sich natürlicher an.
Was, wenn ich dabei das Gefühl habe, aus der Übung zu kommen?
Dann integriere das Gähnen als Teil der Übung. Beobachte Deinen Körper dabei und nimm den Übergang bewusst wahr.
Wird das mit der Zeit weniger?
Ja. Mit zunehmender CO₂-Toleranz und höherer Kontrollpause reguliert sich auch das Gähnverhalten – es wird gezielter, bewusster und angenehmer.




