
„Ich habe das erste Mal in meinem Leben ein Gefühl von Sicherheit erfahren.“ – Wie Atemtraining schaffte, was 20 Jahre Therapie nicht konnten.
Eine Geschichte aus unserer Community, die mich nicht mehr loslässt. Und die zeigt, was Atemarbeit auf einer Ebene bewirken kann, über die wir viel zu selten sprechen.
Ich bekomme viele Nachrichten. Fortschritte bei der Kontrollpause, besserer Schlaf, weniger Asthma. Jede einzelne freut mich. Aber manchmal kommt eine Mail, die mich anders trifft. Die hängen bleibt. Die mir zeigt, warum ich das hier mache. Die Geschichte, die ich heute teilen möchte, ist so eine. Sie kommt von einer Frau aus unserer AtemFlow-Community. Ich nenne sie hier Miriam. Sie hat mir erlaubt, ihre Worte zu verwenden, weil sie hofft, dass sie anderen Menschen Mut machen. Menschen, die vielleicht Ähnliches erlebt haben und sich nicht vorstellen können, dass ihnen etwas so Einfaches wie Atmen helfen könnte. Bevor Miriam zu Wort kommt, will ich kurz erklären, warum mich diese Geschichte so berührt. Nicht nur als Atemtrainerin. Sondern als jemand, der mit genau dieser Thematik jahrelang gearbeitet hat.

Warum ich diese Geschichte einordnen kann
Bevor ich AtemFlow gegründet habe, war ich sieben Jahre lang Sozialarbeiterin. Ich habe ein Kinderhaus geleitet und dort mit schwer traumatisierten Kindern zusammengelebt. Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern leben konnten, aus verschiedenen Gründen. Danach habe ich als systemische Familientherapeutin in einer Beratungsstelle für Familien und Kinder gearbeitet. Ich mache das bis heute, parallel zu AtemFlow. Was ich in dieser Arbeit immer wieder gesehen habe: Es gibt einen Punkt, an dem Gespräche an eine Grenze kommen. Der Kopf versteht. Der Mensch kann benennen, was passiert ist. Kann einordnen, kann reflektieren. Aber der Körper macht nicht mit. Der Körper bleibt im Alarm. Die Atmung bleibt flach, schnell, oben in der Brust. Die Schultern bleiben oben. Der Kiefer bleibt angespannt. Und solange der Körper im Alarmmodus feststeckt, kommt auch der Kopf nicht wirklich zur Ruhe.
Die allerersten AtemFlow-Übungen sind genau aus dieser Erfahrung entstanden. Christian hat sie damals für meine Klienten erstellt, weil ich nach einem Werkzeug gesucht habe, das dort ansetzt, wo Worte nicht mehr hinkommen. Am Körper. Am Atem. Am Nervensystem. Und dann, Jahre später, kam Miriams Nachricht.
Miriams Geschichte
Ich gebe Miriam hier selbst das Wort. In ihren eigenen Worten, nur leicht gekürzt. Weil diese Geschichte in keiner anderen Sprache so gut funktioniert wie in ihrer.
„Ich bin schwer traumatisiert. Ich habe sehr schwere Gewalterfahrungen in der Kindheit erlebt, lang und schlimm, schon als Säugling. Ich bin häufig in Atemnot geraten, wäre schon oft fast erstickt und bin dadurch oft in Ohnmacht gefallen. Und in den letzten zwei Jahren bekam ich eine Atemdepression durch Schmerzmittel.
Das alles ist vorbei, zum Glück. Aber ich schätze, mein Atemzentrum im Gehirn nimmt mir jeden noch so kleinen Anstieg an CO₂ sehr, sehr übel und lernt nur langsam.
Ich habe begonnen mit dauerhafter Atemnot und einem pCO₂-Wert im Blut von circa 18 mmHg. Ich habe einen Kapnographen zum Messen. Durch die Atemübungen habe ich mir fast Normalwerte im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft und bin jetzt bei 35 mmHg. In Stresssituationen fällt er allerdings schnell wieder.
Meine Kontrollpause bleibt davon allerdings unbeeindruckt. Sie bleibt bei 10, mal 8, mal 12. Seit einem Jahr so ungefähr. Und ja, es lässt mich ein bisschen verzweifeln.
Aber ich bin mit mir dennoch sehr geduldig und hoch zufrieden mit den Ergebnissen, die ich durch die Atemübungen schon erreicht habe.
Den Lufthunger auszuhalten, das ist für mich ziemlich übel, aufgrund meiner Geschichte. Auch wenn ich das wirklich aushaltbar zu dosieren versuche.
Wenn ich das so schreibe, wird mir selber bewusst, welche Leistung es war, trotz allem den CO₂-Wert so ansteigen zu lassen. Das war auch wirklich eine anstrengende und ehrlich gesagt nicht schöne Arbeit, die ich nur durchhalten konnte, weil ich eure App gefunden habe, die mich motiviert hat durchzuhalten.
Übrigens sind auch meine Ängste, die Angststörung und Schlafstörungen sehr viel besser geworden.
Ich habe gerade den neuen Blogartikel gelesen und finde mich da wirklich oft drin wieder. Trauma bedeutet Angst, Panik, Atemstörungen, Stress sowieso. Die Atemreduktion hat mein komplett überreiztes Nervensystem deutlich beruhigt. Das hab ich in 20 Jahren Therapie nicht im Ansatz so geschafft. Im Gegenteil.
Ich habe das erste Mal in meinem Leben erlebt, dass der Körper ein Gefühl von Sicherheit erfahren konnte.
Das ist eine der mächtigsten Veränderungen, die ich durch die Atemübungen erleben durfte.“
— Miriam

Was hier passiert ist
Ich möchte Miriams Geschichte nicht zerreden oder mit Fachbegriffen überlagern. Aber ich möchte erklären, warum das, was sie beschreibt, aus meiner Sicht so bedeutsam ist. Nicht nur für sie, sondern für alle, die mit Trauma leben.
Trauma verändert die Atmung
Wenn ein Mensch schwere Gewalt erlebt, besonders in der frühen Kindheit, verändert sich das Nervensystem grundlegend. Die Amygdala, das Alarmzentrum im Gehirn, wird überempfindlich. Sie stuft Situationen viel schneller als gefährlich ein. Und das autonome Nervensystem verliert etwas Entscheidendes: die Fähigkeit, flexibel zwischen Aktivierung und Ruhe zu wechseln. Es steckt fest. Entweder in der Übererregung: Angst, Panik, Herzrasen. Oder in der Untererregung: Erstarrung, Taubheit, Erschöpfung. Oft beides im Wechsel.
Dieses Vermögen, zwischen Anspannung und Entspannung zu pendeln, spiegelt sich übrigens in einer Zahl wider, die in der Gesundheitsforschung immer wichtiger wird: der Herzratenvariabilität (HRV). Je höher die HRV, desto besser kann sich der Körper an Belastungen anpassen. Bei traumatisierten Menschen ist sie oft chronisch niedrig. Und hier wird es spannend: Bisher hat jede Studie über Atemtechniken gezeigt, dass sie die HRV nachhaltig steigern. Das macht Atemtraining zu einem der stärksten Werkzeuge, um ein festgefahrenes Nervensystem wieder in Bewegung zu bringen.
Was dabei fast immer passiert: Die Atmung verändert sich mit. Traumatisierte Menschen atmen oft chronisch zu schnell, zu flach, zu viel. Das Zwerchfell verkrampft, weil Loslassen im Bauch sich unsicher anfühlt. Die Brustatmung übernimmt. Und diese Überatmung senkt den CO₂-Spiegel im Blut, was wiederum die Angst verstärkt, die Panikbereitschaft erhöht und den Teufelskreis aufrechterhält. Miriams pCO₂ von 18 mmHg bei Beginn macht das sichtbar. Normal wäre 35 bis 45. Sie hat chronisch hyperventiliert, jahrzehntelang, ohne es zu wissen. Ihr Körper war permanent im Notfallmodus.
Warum Therapie allein manchmal nicht reicht
Ich sage das als jemand, der selbst Therapeutin ist: Gesprächstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, auch viele traumaspezifische Verfahren arbeiten vor allem über den Kopf. Sie helfen, das Erlebte einzuordnen, Gedankenmuster zu erkennen, Trigger zu verstehen. Das ist wichtig und wertvoll. Aber wenn das Nervensystem seit Jahrzehnten im Alarm feststeckt, wenn der Körper nie gelernt hat, was Sicherheit sich anfühlt, dann reicht Verstehen allein nicht. Der Körper braucht eine eigene Erfahrung von Sicherheit. Nicht als Konzept, sondern als Empfindung. Als etwas, das er spürt.
Und genau das beschreibt Miriam: „Ich habe das erste Mal in meinem Leben erlebt, dass der Körper ein Gefühl von Sicherheit erfahren konnte.“ Nicht der Kopf. Der Körper.
Wie Buteyko-Atemtraining dort ansetzt, wo Worte aufhören
Der Atem ist die direkteste Verbindung zum autonomen Nervensystem. Du kannst dein Nervensystem nicht willentlich umschalten. Du kannst dir nicht sagen: Jetzt sei mal entspannt. Aber du kannst deinen Atem verändern. Und dein Nervensystem reagiert darauf. Sofort, messbar, physiologisch.
Was Miriam praktiziert, ist im Kern die Buteyko-Methode: reduziertes Atmen durch die Nase, dosierte Atempausen, die schrittweise Steigerung der CO₂-Toleranz. Genau das, worüber wir in unserem ausführlichen Artikel „Macht AtemFlow echtes Buteyko?“ geschrieben haben. LINK zum Buteyko-Artikel Und Miriams Erfahrung zeigt etwas, das in der Buteyko-Debatte oft untergeht: Bei Miriam liegt keine physiologische Atemwegserkrankung vor. Kein Asthma, keine COPD, keine eingeschränkte Lungenfunktion. Die Ursache ihrer Überatmung sitzt im Nervensystem. Und gerade hier zeigt sich, dass der kontrollierte Lufthunger durch dosierte Atempausen der Hebel ist, der Veränderung möglich macht. Nicht das reine „leise sitzen und sanft atmen“, das sich für ein überreiztes Nervensystem oft anfühlt wie eine Zumutung. Sondern die dosierte Erfahrung, dass der Körper mit weniger Luft klarkommt. Dass er genug hat. Dass er sicher ist.
Wenn Miriam ihren Atem reduziert und dabei ihren CO₂-Spiegel ansteigen lässt, passiert etwas, das kein Gespräch leisten kann: Ihr Körper erfährt, dass ein leichter CO₂-Anstieg keine Gefahr ist. Dass er loslassen darf. Das ist keine Einbildung. Das ist Physiologie. Und bei jemandem wie Miriam, deren Atemzentrum durch Erstickungserfahrungen in der Kindheit extrem empfindlich geworden ist, ist jeder Millimeter CO₂-Anstieg eine kleine Revolution. Von 18 auf 35 mmHg, das ist keine Verbesserung. Das ist eine Lebensleistung.
Warum die Kontrollpause nicht alles ist
Miriam schreibt, dass ihre KP bei 10 stecken bleibt und sie das manchmal verzweifeln lässt. Ich verstehe das. Die Kontrollpause ist greifbar, messbar, man will Fortschritte sehen. Aber Miriams Geschichte zeigt etwas Wichtiges: Fortschritt sieht nicht immer aus wie eine steigende Zahl. Ihr CO₂-Wert hat sich fast verdoppelt. Ihre Ängste und Schlafstörungen sind besser geworden. Und sie hat zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gefühl von körperlicher Sicherheit erfahren. Das sind Veränderungen, die kein Kontrollpausentest abbildet. Aber die das Leben verändern.
Die CO₂-Toleranz, die die Kontrollpause misst, ist bei schwer traumatisierten Menschen oft besonders hartnäckig. Das Atemzentrum hat über Jahrzehnte gelernt, dass jeder CO₂-Anstieg Lebensgefahr bedeutet. Das lässt sich nicht in Monaten umprogrammieren. Aber es lässt sich verändern. Langsam. Geduldig. In dem Tempo, das der Körper zulässt.
Was ich aus Miriams Geschichte mitnehme
Miriams Nachricht hat etwas bestätigt, das ich aus meiner therapeutischen Arbeit kenne, aber so klar noch nie von einer Nutzerin gehört habe: Atemarbeit kann etwas erreichen, das Therapie allein manchmal nicht schafft. Und Therapie kann etwas leisten, das Atemarbeit allein nicht kann. Die beiden stehen nicht in Konkurrenz. Sie gehören zusammen, können nebeneinander sehr gut funktionieren. Ich möchte an dieser Stelle auch klar sagen: Atemübungen ersetzen keine Traumatherapie. Wer schwere Gewalterfahrungen erlebt hat, braucht professionelle Begleitung. Was Atemarbeit tun kann, ist einen Raum schaffen, in dem der Körper anfängt, Sicherheit zu lernen. Und dieser Raum kann die therapeutische Arbeit tragen und vertiefen. Aber er ersetzt sie nicht. Was Atemarbeit bei Trauma braucht, ist Vorsicht. Behutsames Vorgehen. Kleine Schritte. Miriam beschreibt das selbst: Sie dosiert den Lufthunger so, dass er aushaltbar ist. Sie geht nicht an die Grenze. Sie macht keine Maximalpausen. Sie hört auf ihren Körper. Und genau so sollte es sein.
Wenn du selbst traumatische Erfahrungen in deinem Leben hast und überlegst, ob Atemtraining etwas für dich sein könnte: Fang klein an. Wirklich klein. Nasenatmung. Bauchatmung. Die leiseste Übung, die du findest. Und wenn du merkst, dass etwas in dir eng wird oder sich falsch anfühlt, dann hör auf. Dein Körper sagt dir, wann es zu viel ist. Hör ihm zu.
Und wenn du dir unsicher bist, schreib mir. Ich beantworte jede Mail persönlich.
Für Miriam
Miriam, wenn du das hier liest: Was du geschafft hast, ist mehr, als eine Kontrollpause jemals abbilden könnte. Von einem pCO₂ von 18 auf 35, mit deiner Geschichte, mit dem was dein Körper durchgemacht hat. Dass du dabei geblieben bist, obwohl der Lufthunger für dich mit so viel mehr verbunden ist als für die meisten anderen Menschen. Das rechne ich dir hoch an.
Und dass dein Körper zum ersten Mal Sicherheit gespürt hat. Das ist nicht nur eine Veränderung. Das ist der Anfang von etwas, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Dein Körper weiß jetzt, dass es diesen Zustand gibt. Und er wird sich daran erinnern, immer wieder. Bleib dran. In deinem Tempo. Dein Körper bestimmt den Weg.
Wenn du selbst mit Trauma lebst und dich fragst, ob Atemtraining etwas für dich sein könnte: Im AtemFlow-Studio findest du über 200 geführte Atemübungen, viele davon sehr sanft und speziell für Menschen, die behutsam anfangen möchten.
Wichtig: Atemübungen können eine wertvolle Ergänzung sein, ersetzen aber keine professionelle Traumatherapie. Wenn du akut unter Trauma-Folgen leidest, wende dich bitte an eine qualifizierte Therapeutin oder einen Therapeuten.
